"Wir sprechen Sport!"

Text aus Sport in BW 8/2021, Seite 26:

26 Prozent der Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Bei 13,6 Prozent der Bevölkerung ist mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren. 12,4 Prozent sind Personen mit eigener Migrationserfahrung, das heißt sie haben Migration „am eigenen Leib“ erfahren (Statistisches Bundesamt 2019). Die sprachliche Vielfalt in der Bundesrepublik ist dementsprechend beachtlich und bereichert das gesellschaftliche Zusammenleben enorm. Insbesondere für Personen, die eine eigene Flucht- oder Migrationserfahrungen haben, aber auch für diejenigen, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland geboren wurden, ist jedoch der souveräne Umgang mit der deutschen Sprache ausschlaggebend für den Bildungs- und Arbeitsmarkterfolg sowie für die aktive Teilhabe am alltäglichen Leben. Nicht umsonst wird der Spracherwerb deshalb in der politischen (Integrations-)Debatte als der „Schlüssel zur Integration“ bezeichnet. Sprache und Integration werden dabei oftmals im selben Atemzug genannt und miteinander gleichgesetzt, wie beispielsweise die durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge initiierten und durchgeführten Integrationskurse zeigen. Diese legen ein besonderes Augenmerk auf die Vermittlung von ausreichenden Kenntnissen der deutschen Sprache und informieren gleichermaßen über die Geschichte und „Wertekultur“ in Deutschland. Im Gespräch mit der TG Heddesheim wird jedoch deutlich, dass Integration im Sportverein und in der Gesellschaft nicht nur durch den bloßen Spracherwerb entsteht, sondern vielmehr durch das, was mit und durch den Spracherwerb möglich ist.

„Integration beginnt im Kopf!“

Johannes Sonntag, sportlicher Leiter bei der TG Heddesheim, macht deutlich, dass Integration schon weit vor dem eigentlichen Spracherwerb beginnt: „Integration beginnt für mich auch ein Stück weit im Kopf. Ich sollte keine Vorbehalte gegenüber anderen Menschen haben, sondern sie so behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte, nämlich mit offenen Armen und auf eine freundliche Art und Weise. Bei der Sprache wird die Integration dann fortgesetzt.“ Insbesondere im Sport sieht Johannes Sonntag ein großes Potential trotz sprachlicher Barrieren, freundschaftliche Begegnung und integrative Teilhabe zu ermöglichen: „Der Sport kann Menschen, egal welcher Herkunft, verbinden. Nirgends ist der Teamgedanke so wichtig, wie in einem Sportverein. Im Sport reichen schon kurze Zeichen und Anweisungen, die von jedem Mannschaftsmitglied verstanden werden können. Wenn möglich, auch auf einer anderen Sprache. Im Sport ist die sprachliche Barriere leichter zu bewältigen als im beruflichen oder privaten Alltag, da es im Sport um den Spaß und das Miteinander geht und die Mannschaft ein gemeinsames Ziel verfolgt.“ Dieses sprachfördernde und gleichzeitig integrative Potential des Sports machte sich die TG Heddesheim zu Nutze. Mit der Initiative „Wir sprechen Sport!“ soll der Spracherwerb in ungezwungener Atmosphäre für Mitglieder mit wenigen Deutschkenntnissen ermöglicht werden.

Initiative „Wir sprechen Sport!“

Die Idee für die Initiative „Wir sprechen Sport!“ der TG Heddesheim entstand 2019 beim Volleyballtraining. In Gesprächen während und nach dem Training zwischen dem Initiator, Dr. Ciamak Abkai, und den aktuellen Leitern des Projekts, Arman Hortak und Naseer Noori, reifte die Idee einer sportlichen Sprachförderung. Unter der Leitung von Dr. Ciamak Abkai haben sich Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern mittwochs zu einer zusätzlichen Stunde Sport getroffen. Dabei ging es weniger um die sportliche Komponente, sondern viel mehr um den Austausch unter den Sportler*innen. Nach und nach hat sich daraus eine eingeschworene und integrative Mannschaft entwickelt. Nach beruflichen und privaten Veränderungen hat Dr. Ciamak Abkai die Leitung der „Mittwochsgruppe“ an Arman Hotak und Naseer Noori übergeben, die noch immer mit großer Begeisterung und Spaß das Team leiten. Das Team setzt sich aus ca. 20 Teilnehmenden zusammen, sowohl deutschsprachige Personen aus Heddesheim und Umgebung als auch Migrant*innen mit wenigen oder keinen Deutschkenntnissen.

Das Training beginnt mit einem gemeinsamen Warm-Up, bei dem die Teilnehmenden ins Gespräch kommen (müssen). Hier wird der Fokus auf die Führung und Aufrechterhaltung von Dialogen gelegt. Danach finden sich alle in einem Kreis zusammen und jede*r berichtet von ihrer/seiner Woche. Jede*r kommt dabei zu Wort und es wird ausreichend Zeit für den Wochenbericht eingeplant. Durch die körperliche Aktivität beim Warm-up sind die Teilnehmenden von möglichen Gedanken, die Sprachhemmungen hervorrufen können, „abgelenkt“. Gleichzeitig prägen sich neue Wörter, Sätze oder Redewendungen besser ein, wenn diese in Zusammenhang mit einer außeralltäglichen Bewegung oder einer spaßigen Situation erinnert werden. Nach dem Warm-up werden die Teams zusammengestellt. Beim gemeinsamen Training wird den Teilnehmenden vermittelt, dass die Kommunikation untereinander ausschlaggebend ist, um den „Spiel-flow“ aufrechtzuerhalten, Teambuilding zu ermöglichen und vor allem auch um Spaß zu haben.

Ziel ist dabei der zwanglose und (be-)wertungsfreie Austausch zwischen allen Teilnehmenden. In lockerer sportlicher Atmosphäre sollen so Sprachhemmungen ab- und Freundschaften aufgebaut werden. Johannes Sonntag ist überzeugt von dieser Herangehensweise: „Ich selbst habe durch meine langjährige Mitgliedschaft im Tennisverein schnell Anschluss gefunden, woraus sich starke Freundschaften entwickelt haben, die bis heute anhalten. Diese Chance sollten alle Bürger*innen in Deutschland haben! Durch die Initiative haben die Teilnehmenden andere Leute kennen gelernt, Kontakte geknüpft und beim Dialog unter Freunden zusätzlich noch die Sprache gelernt.

Weitere Projekte in Planung

Wir sprechen Sport!“ erfreut sich wachsender Beliebtheit und die Mit-glieder melden durchweg positive (Lern-)Erfahrungen zurück. Das zeigt Arman Hortak und Naseer Noori, dass sie einen Nerv getroffen haben und einen richtigen Weg hin zu mehr Integration und einem wertschätzenden Miteinander gehen. Aus dieser Erfahrung heraus hat die TG Heddesheim weitere Projekte im Sinn und ist bemüht, diese auch zeitnah umzusetzen. Johannes Sonntag stellt dabei die Wichtigkeit des ständigen Austauschs und Weiterentwicklung in den Vordergrund: „Es liegt an uns, weitere Projekte oder Initiativen anzustreben. Ich selbst möchte mich auf dem Gebiet weiter fortbilden. Sei es bei Online-Seminaren oder – wenn es hoffentlich bald wieder erlaubt ist – an Praxis-Seminaren teilzunehmen, um mit andere in den Dialog zu kommen und von ihren Erfahrungen zu profitieren.“

Das Bundesprogramm Integration durch Sport im Badischen Sportbund Nord bietet zu Themen wie Sprache, Vielfalt und Integration verschiedenste Fortbildung an. Beispielsweise wird am 22. und 29. September, in zwei zusammenhängenden Modulen im Blended-Learning Format, das Thema „Sport & Fremdheit, Vielfalt & Sprache“ behandelt. Im Vordergrund der Schulung steht das interkulturelle Lernen im und durch den Sport. Der Fokus der Fortbildung liegt dabei auf der Praxis, sodass Anwendungsbereiche wahrgenommen werden und der Übertrag in den Trainingsalltag gegeben ist. Am 07. Oktober wird im Rahmen der einander.Aktionstage in Mannheim das Seminar „Kultursensible Kommunikation“ angeboten. Die Teilnehmenden werden dahingehend sensibilisiert, dass verständliche Kommunikation bereits bei einem ähnlichen kulturellen Hintergrund kompliziert werden kann. Bedeutend schwieriger wird Kommunikation, bei der unterschiedliche Traditionen, Verhaltensweisen und Denkmuster aufeinander treffen. Wie Kommunikation im Verein und im Alltag trotzdem funktionieren kann, wird anhand von Praxistipps erläutert.

Die Initiative der TG Heddesheim zeigt, dass Integration nicht auf ein bloßes Vokabelnlernen beschränkt sein muss. Integration gelingt am besten durch die Begegnung und den Austausch mit Personen aus verschiedenen Herkunftsländern. Mit einer gemeinsamen Leidenschaft, wie beispielsweise dem Sport, kann eine Brücke geschlagen werden und eine Basis für die Verständigung geschaffen werden. Vorbehalte, Vorurteile und die „Angst vor der Fremdheit“ können so auf beiden Seiten abgebaut werden. Johannes Sonntag bringt es trefflich auf den Punkt: „Schaffe ich es in meinem Kopf Vorurteile oder Barrieren abzubauen, werde ich auch einen Weg finden, um mit meinen Mitmenschen zu kommunizieren.“ Selbst wenn aufgrund fehlender Vokabeln Kommunikation nicht immer gelingt, ist dann die unterstützende Gemeinschaftlichkeit und der zusammenhaltende Teamgeist der eigentliche „Schlüssel zur Integration“.

Luise Fleisch

Der ganze Artikel steht hier zum Download bereit.

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