Knockout im Lockdown

Eine Zusammenfassung der aktuellen Situation aus der Sicht des Sports

von Sabine Hamann, Vorsitzende Sportkreis Mannheim

In der jüngeren Vergangenheit haben sich zahlreiche Experten aus unterschiedlichen Fachdisziplinen zu Wort gemeldet, um auf die weitreichenden Folgen des nun neuerlich ausgesprochenen „Sport-Lockdowns“ auf die Menschen hinzuweisen. Wir haben über diese bereits in einzelnen Beiträgen auf unserer Website und über unsere Social-Media-Kanäle berichtet. Um den Überblick zu wahren, lohnt eine Zusammenschau und eine Gegenüberstellung mit der aktuell geltenden Gesetzgebung.

1. Sport hält langfristig gesund

80.000 Menschen sterben pro Jahr an Bewegungsarmut in Deutschland, sagte Perikles Simon, Leiter der Abteilung Sportmedizin am Institut für Sportwissenschaft der Universität Mainz. Es verstärkt sich aktuell der Effekt, dass Menschen an den indirekten Folgen von zu wenig Bewegung leiden. „Bewegung ist lebensnotwendig, Bewegungsarmut fördert Krebs- und Herzkreislauferkrankungen. Die Politik in der Pandemie ist aber darauf ausgerichtet, dass Bewegung eigentlich egal ist."

„Wir produzieren gerade die Kranken der Zukunft", befürchtet Sportwissenschaftler Professor Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln. Weil Kinder und Jugendliche zu wenig Sport treiben, werden Krankheitsbilder, die mit Übergewicht und Bewegungsarmut zusammenhängen, in den nächsten Jahren zunehmen, befürchtet er. Dazu zählen zum Beispiel Diabetes mellitus und Bluthochdruck. Froböse kritisiert, dass ausgerechnet in einer Gesundheitskrise ein flächendeckender Bewegungsmangel herrsche.

Der 4. Kinder- und Jugendsportbericht bestätigt bereits: Die Fettleibigkeit nimmt aktuell zu; die physische, psychische und soziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist beeinträchtigt.

Die Corona-Verordnung sagt dazu: Betriebsuntersagung für öffentliche und private Sportanlagen und Sportstätten sowie Bolzplätze und Fitness-Studios (mit wenigen Ausnahmen)

2. Sport sorgt für mildere Corona-Krankheitsverläufe

Unstrittig ist die Tatsache, dass Sport langfristig gesund erhält. In einer aktuellen Studie aus Los Angeles haben Forscher aber auch nachweisen können, dass Corona-Patienten, die in den beiden Jahren vor der Infektion als „konsistent inaktiv“ eingestuft wurden, dreimal so häufig im Krankenhaus behandelt werden, wie diejenigen, die vorher „konsistent aktiv“ waren! Auch der Anteil der tödlichen Krankheitsverläufe war bei den „konsistent inaktiven“ Patienten mit 2,4 % versus 0,4 % bei „konsistent aktiven“ Patienten deutlich höher.

JETZT Sport und Bewegung zu erlauben, bedeutet, einen milderen Verlauf der Krankheiten von morgen zu ermöglichen!

Die Corona-Verordnung sagt dazu: Betriebsuntersagung für öffentliche und private Sportanlagen und Sportstätten sowie Bolzplätze und Fitness-Studios (mit wenigen Ausnahmen)

3. Die Corona-Krise ist die Krise der Kinder

Immer mehr Mediziner und Forscher warnen vor dem, was Kindern und Jugendlichen seit nun schon einem Jahr zugemutet wird. Laut einer Studie des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf zeigt fast jedes dritte Kind in Deutschland psychische Auffälligkeiten. 71 Prozent fühlen sich durch die Kontaktbeschränkungen belastet. Ansgar Thiel, Professor am Institut für Sportwissenschaften der Universität Tübingen bemängelt: „Die Bedeutung des Sports wird nicht gesehen. Auch der Bewegungsmangel kann krank machen." Kinder brauchen Bewegung und Sozialkontakte und ihre Bedürfnisse wurden bislang in der Corona-Zeit marginalisiert. Dass Kinder und Jugendliche lange Zeit nicht in die Vereine durften und keinen Sportunterricht erhalten, sorgt dafür, dass ihr Bewegungsverhalten massiv zurückgegangen ist. Spazieren gehen oder Joggen ist für Kinder nicht attraktiv. Viele haben konditionell stark abgebaut. Dazu kommt, dass der Zusammenhalt, den sie in ihren Sportteams hatten, weggebrochen ist.

Auch das Kinderhilfswerk Unicef warnt, geschlossene Schulen, Vereine und fehlende soziale Kontakte würden nicht nur die Bildungserfolge, sondern auch die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gefährden.

Die Corona-Verordnung sagt dazu: Sport in Gruppen von 20 Kindern ist erlaubt. Steigt die 7-Tage-Inzidenz in einem Stadt- oder Landkreis, so dürfen Kinder bis einschließlich 13 Jahren in Gruppen von maximal fünf Kindern kontaktlosen Sport im Freien ausüben. Anleitungspersonen brauchen einen durch eine offizielle Stelle durchgeführten negativen Schnelltest, der nicht älter als 24 Stunden sein darf.

4. Schwimmfähigkeit rettet Leben

Das Problem der mangelnden Schwimmfähigkeit war bereits vor der Corona-Pandemie akut und hat sich nun nochmals verschärft, zeigt der Deutsche Sportlehrerverband (DSLV) auf und fordert: Die durch die Pandemie bereits entstandenen Bewegungsdefizite und die daraus unmittelbar resultierenden Auswirkungen auf die psychische, physische und soziale Gesundheit der Schüler müssen mit allen Mitteln in ihren weiteren Auswirkungen geringgehalten werden. Da der Schulsport durch Schulschließungen und kommunale Verbote nicht mehr vollumfänglich erteilt werden konnte, erwartet der DSLV 50 bis 80 Prozent Nichtschwimmer in den zukünftigen fünften Klassen.

Dass die Schwimmfähigkeit in Deutschland nachlässt, bestätigt auch die DLRG: Pandemie und prekäre Schwimmbadsituation haben diese Situation zwar nicht herbeigeführt, sie aber drastisch beschleunigt. Vergangenes Jahr durchliefen mindestens 70.000 Kinder weniger die Anfängerschwimmausbildung als noch im Jahr 2019.

„Deutschland entwickelt sich zu einem Land der Nichtschwimmer“, befürchtet Ansgar Wiese (Sprecher der DLRG) angesichts dieser Zahlen. Die DLRG rechnet mit schlimmen Konsequenzen: Da wegen der Corona-Pandemie im Sommer voraussichtlich mehr Menschen ihren Urlaub in Deutschland verbringen, könnte die Zahl der Badeunfälle in die Höhe schnellen – im schlimmsten Fall vielfach mit tödlichem Ausgang. Dort, wo es eine Badeaufsicht gebe, zum Beispiel an den deutschen Küsten, ertrinken zwar sehr selten Badegäste, erklärt Wiese. Allerdings verunglückten immer mehr Menschen etwa in Baggerseen oder in Flüssen.

Die Corona-Verordnung sagt dazu: Betriebsuntersagung von Schwimmbädern und Badeseen

5. Ansteckung im Schwimmbad ist unwahrscheinlich

Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass „eine direkte Übertragung von SARS-CoV-2 über das Schwimm- und Badewasser generell höchst unwahrscheinlich ist. Das Wasser in Frei- oder Hallenbädern unterliegt einer ständigen Aufbereitung. Die Einhaltung der allgemein anerkannten Regeln der Technik bietet einen weitreichenden Schutz, auch vor unbekannten Organismen und chemischen Stoffen. Filtration und Desinfektion sind wirksame Verfahren zur Inaktivierung von eingetragenen Bakterien und Viren. Coronaviren sind behüllte Viren, die durch Desinfektionsverfahren leichter zu inaktivieren sind als unbehüllte Viren wie Noroviren oder Adenoviren.“

Nach Einschätzung der WHO gibt es keine Hinweise darauf, dass das SARS-CoV-2 über den Wasserweg übertragen wird. Die Morphologie und chemische Struktur von SARS-CoV-2 ist anderen Coronaviren sehr ähnlich, bei denen in Untersuchungen gezeigt wurde, dass Wasser keinen relevanten Übertragungsweg darstellt.

Das Infektionsrisiko ist bei hoher Luftfeuchtigkeit geringer, günstig ist also die relativ hohe Luftfeuchtigkeit in Hallenbädern: laut einer Studie des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung haften in feuchter Luft mehr Wasserpartikel an den Aerosolen, sie sinken deshalb schneller zu Boden. Das Infektionsrisiko für Corona ist also niedriger als bei trockener Luft.

Die Studie „Die Rolle von Schwimmbädern in der Corona-Pandemie“ von Dr. phil. Pamela Klotti-Franz, St. Ingbert (18.02.2021) mit Daten der Bundes- und Landeskader der DTU (Deutschen Triathlon-Union), des DSV (Deutschen Schwimmverbandes), der STU (Saarländischen Triathlon-Union), der DLRG und des SSB (Saarländischen Schwimmbunds) bestätigt die oben getroffenen Aussagen.

Die Corona-Verordnung sagt dazu: Betriebsuntersagung von Schwimmbädern und Badeseen

6. Ansteckung im Freien ist unwahrscheinlich

Aerosolexperten haben in einem Offenen Brief an die Fraktionsvorsitzenden des Bundestages dargelegt, dass Sport im Freien ungefährlich möglich sein kann. „Die Übertragung der SARS-CoV-2-Viren findet fast ausnahmslos in Innenräumen statt. Übertragungen im Freien sind äußerst selten und führen nie zu 'Clusterinfektionen', wie das in Innenräumen zu beobachten ist." Daher kommt der Biophysiker und ehemalige Präsident der International Society for Aerosols in Medicine Gerhard Scheuch zu dem Schluss: „Gerade vor dem Hintergrund steigender Inzidenzzahlen würde ich dafür plädieren: mehr Sport im Freien." Er hält im Fußball Zweikämpfe und normales Mannschaftstraining für problemlos möglich. „Kleingruppen und Training streng nach Abstand ergeben keinen Sinn", sagte er dem Onlineportal dfb.de. Zudem hält er die Altersbeschränkung für Sport im Freien für überflüssig: „Das Alter ist egal, weil es so gut wie keine Ansteckungen im Freien gibt."

Eine Studie in Irland bestätigte die deutschen Aerosolforscher in ihrer Gefährdungsanalyse. Danach seien laut einem Bericht der „Irish Times" von 232.000 Infektionsfällen nur 260 im Freien aufgetreten. In anderen Worten: 99,9 Prozent der Covid-19-Ansteckungen erfolgen in geschlossenen Räumen.

Die Corona-Verordnung sagt dazu: Kontaktarmer Freizeit- und Amateursport mit nicht mehr als fünf Personen aus maximal zwei Haushalten ist möglich. Liegt die 7-Tage-Inzidenz im jeweiligen Stadt- oder Landkreis über 100 ist Sport nur mit den Angehörigen des eigenen Haushalts und einer weiteren nicht zum Haushalt gehörenden Person erlaubt. Die Altersgrenze bei Ausnahmeregelungen für Kinder, wie beispielsweise bei Sport im Freien in Gruppen, wird auf einschließlich 13 Jahre abgesenkt. Ausgangsbeschränkung bei 7-Tage-Inzidenz zwischen 22 und 5 Uhr.

7. Sportvereine sind Teil der Lösung

Dass es sicherer ist, unter Anleitung und in festen Gruppen mit Tests und Nachverfolgbarkeit Sport zu machen, statt unkontrolliert im Park oder gar unbewegt in Innenräumen zu verbleiben, äußern inzwischen viele. Christian Dahms, Generalsekretär des Landessportbundes Sachsen, erklärt: „Die Vereine haben ihre Konzepte entwickelt und sind in der Lage, das Verhalten ihrer Sportler zu lenken, zu beobachten und auch zu kontrollieren. Auch die Nachvollziehbarkeit der Kontakte der Teilnehmer ist durch eine disziplinierte Öffnungsstrategie eher gewährleistet. Je länger eine vereinsbasierte sportliche Betätigung unterbunden wird, desto größer sind die zu erwartenden gesundheitlichen Schädigungen und Langzeitwirkungen."

Auch Ingo Froböse, Leiter mehrerer Institute an der Deutschen Sporthochschule Köln, findet es höchst problematisch, „dass der Sport, der sonst immer mit großer gesundheitlicher Relevanz verbunden wurde, aktuell in eine Ecke gedrängt wird." Er gab der Seite fussball.de ein langes Interview: „Die Politik sagt, es sei höchst gefährlich, in der aktuellen Situation Sport zu treiben. Dadurch leidet der Sport unter einem Image- und Attraktivitätsverlust. Das macht mir große Sorge."

Dies alles ist zu betrachten vor dem Hintergrund, dass aktuell die gemeinwohlorientierte Sportvereinskultur von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet worden: Damit wurde bestätigt, dass das Sportvereinswesen einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft leistet und mit seinen verschiedenen Engagementmöglichkeiten zur Entwicklung der Demokratie beiträgt. Wenn Sportvereinsleben untersagt ist, gehen genau diese ehrenamtlichen Tätigkeiten (wie das Engagement in Sportvereinen) zurück. Dies wirkt sich langfristig auf die Gesellschaft aus, glaubt der Geschäftsführer des Instituts für sozialpädagogische Forschung Mainz (ism) Heinz Müller. Denn es gibt nur ein kleines Zeitfenster, in dem junge Menschen beginnen, sich bei der Feuerwehr, der DLRG, den Sportvereinen und -verbänden zu engagieren. Das Engagement halte dann aber oft ein Leben lang an.

Die Corona-Verordnung sagt dazu: Kontaktarmer Freizeit- und Amateursport mit nicht mehr als fünf Personen aus maximal zwei Haushalten ist möglich. Liegt die 7-Tage-Inzidenz im jeweiligen Stadt- oder Landkreis über 100 ist Sport nur mit den Angehörigen des eigenen Haushalts und einer weiteren nicht zum Haushalt gehörenden Person erlaubt. Die Altersgrenze bei Ausnahmeregelungen für Kinder, wie beispielsweise bei Sport im Freien in Gruppen, wird auf einschließlich 13 Jahre abgesenkt. Ausgangsbeschränkung bei 7-Tage-Inzidenz zwischen 22 und 5 Uhr.

Eine Gesamt-Einordnung:

„Der Vereinssport erfährt im anhaltenden Lockdown einen erneuten Knockout – bezogen sowohl auf die einzelnen Sporttreibenden, die ehrenamtlich Engagierten, aber auch die gemeinwohlorientierte Sportvereinskultur insgesamt.“ (Sabine Hamann)

Zahlreiche Experten aus unterschiedlichen Fachdisziplinen haben, wie oben dargelegt, durch Studien belegt, dass es für unsere Gesellschaft als Ganzes, aber auch für jeden Einzelnen dramatische Folgen nach sich zieht, insbesondere den Vereinssport zu untersagen. Aktuelle Statements des DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann, des DFB-Präsidenten Fritz Keller oder des für den Breitensport zuständigen DOSB-Vizepräsidenten Andreas Silbersack zeigen auf: Die Politik beachtet das Expertenwissen nach wie vor nicht, sondern betreibt weiterhin Symbolpolitik. Noch immer gelingt ein kreativer Diskurs um eine differenzierte Betrachtungsweise nicht. Noch immer gelingt es nicht, Verordnungen so auszugestalten, dass Menschen Sport treiben und die Sportvereine als Bildungsakteure wieder wirken können.

Auch wenn die Sportvereine vor Ort nach wie vor viel Leidenschaft, Kreativität und Engagement zeigen und sich eben nicht k.o. geschlagen geben wollen, so sind wir von dem, was Vereinssport letztlich ausmacht, weiter entfernt denn je. „Der Sportverein als soziale Tankstelle?“ Das war einmal! Trotz ausgearbeiteter Hygienekonzepte, trotz höchster Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme in den Vereinen bleibt es ein Kampf gegen Windmühlen mit Zuständigkeitswirrwarr und Hin- und Hergeschiebe der Verantwortlichkeit zwischen Ebenen und Ämtern. Es gilt die Maxime der Verbote statt dem Streben nach differenzierten Lösungen. Wir hangeln uns weiter ideenlos von Lockdown zu Lockdown, statt die bestehenden Angebote und Chancen, die der Vereinssport bereithält, endlich zu nutzen!

Wenn gegen jede Vernunft Sportplätze und Schwimmhallen noch weitere Monate geschlossen bleiben, so werden noch mehr Kinder verlernen, sich unbeschwert zu bewegen und Kontakt zu Gleichaltrigen aufzubauen. Das wird nicht folgenlos bleiben für die physische, psychische und soziale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen – aber auch aller anderer Generationen!

Selbstverständlich muss die Gesundheit aller Menschen höchste Priorität genießen – aber gerade unter dieser Prämisse ist sehr viel mehr möglich und diese Chancen nicht zu ergreifen, ist sträflich!

 

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